Literatur zum Heftthema
Erich Zenger, Egbert Ballhorn (Hg.)
Stuttgarter Psalter
Mit Einleitungen und Kurzkommentaren von Egbert Ballhorn und Erich Zenger
Stuttgart (Verlag Katholisches Bibelwerk) 2020
352 S., € 45,00, ISBN 978-3-460-44079-1
Manche haben vielleicht das kleine Büchlein von Erich Zenger im Regal, den »Stuttgarter Psalter« von 2005: Die Psalmen der Einheitsübersetzung 1980 mit knappen und erleuchtenden Kurzkommentaren von Erich Zenger.
Nun hat der Verlag Katholisches Bibelwerk diesen Band nochmals herausgegeben und angereichert: Es finden sich darin die Psalmen in der Fassung der Einheitsübersetzung 2016, die Kommentare von Erich Zenger werden von Egbert Ballhorn, einem der Mitrevisoren der EÜ 2016, im Hinblick auf die Textänderungen ergänzt. Die Einleitung in den Psalter wurde von Egbert Ballhorn neu verfasst. Ganz neu ist die Bebilderung des Bandes durch einige ausgewählte Initialen des Albani-Psalters aus dem 12. Jh. (die Initiale zu Psalm 22 schmückt übrigens den Titel dieses Heftes). Auch zu den Psalmen-Illustrationen dieser wertvollen Handschrift erhält man eine Einführung von Egbert Ballhorn und damit eine spirituelle Lesehilfe für den Psalter. Damit entsteht nochmals ein neuer Lesehorizont für die persönliche Lektüre und den Unterricht.
Bettina Eltrop
Amy-Jill Levine, Marc Zvi Brettler
Hebräische Bibel und Altes Testament
Warum Juden und Christen die gleichen Texte unterschiedlich lesen
Stuttgart (Deutsche Bibelgesellschaft) 2024
520 S., € 58,00, ISBN 978-3-438-05494-4
Amy-Jill Levine und Marc Zvi Brettler sind international hoch angesehen für ihre Forschungen zur Bibel im Bereich Judentum/Christentum. Sie haben gemeinsam schon 2017 ein großes Opus und neues Standardwerk herausgegeben: The Jewish Annotated New Testament (deutsch: Das Neue Testament – jüdisch erklärt, Stuttgart 2021) und dazu jüdische Neutestamentler*innen um Auslegungen und Beiträge gebeten. Wir haben dieses Werk sowohl in der englischen (in BiKi 4/2019, S. 250) als auch in der deutschen Ausgabe (in BiKi 4/2022, S. 243f.) besprochen.
Nun folgt ein dicker Band, in dem alle Beiträge von Levine und Brettler selbst stammen: The Bible With and Without Jesus: How Jews and Christians Read the Same Stories Differently (2020; deutsch: Hebräische Bibel und Altes Testament: Warum Juden und Christen die gleichen Texte unterschiedlich lesen, Stuttgart 2024).
Nach einer ausführlichen Einführung über die Bibel(n) und ihre Auslegungen stehen zehn zentrale Texte der Hebräischen Bibel/des Alten Testaments im Zentrum. Anliegen ist es, die Vielfalt der Lektüremöglichkeiten in der jüdischen und christlichen Tradition aufzuzeigen und die Traditionen miteinander in einen Dialog zu bringen – und so auch die eigene Leseweise wieder besser zu verstehen. Darunter ist auch Psalm 22. Die fast 30 Seiten, die diesem Psalm gewidmet sind, lesen sich spannend wie ein Krimi – und mir sind bei der Lektüre Kronleuchter aufgegangen. Ausgangspunkt der Auslegung ist das neutestamentliche Zeugnis: Der Verlassenheitsschrei Jesu am Kreuz in Mk 15,34 und die Rezeption des Psalms in den Evangelien des Neuen Testaments. Zusätzlich werden weitere Psalmenzitate im Neuen Testament betrachtet. Dann geschieht ein Schwenk zu Psalm 22 »in den Schriften Israels«. Damit ist zunächst einmal der Psalter, dann auch der weitere biblische Kontext im Blick, schließlich die Rezeption in der rabbinischen Literatur. In der Zusammenschau wird diskutiert, wie die verschiedenen Traditionen diesen Psalm herausragenden Gestalten der Geschichte Israels in den Mund legen – und so wird der Psalm, den eigentlich jede und jeder beten kann, in der Rezeptionsgeschichte zum Psalm Jesu, zum Psalm Davids, Esters oder des jüdischen Volkes. Die vielfältigen Deutungen helfen, den »Sinn des Psalms noch einmal auszuweiten« (S. 405), und ermöglichen tatsächlich jüdischen und christlichen Leser*innen, ihre eigenen Traditionen und die der anderen besser zu verstehen.
Bettina Eltrop
Herzenssache. Die Psalmen – RKW 2025
Materialbuch Religiöse Kinderwoche 2025
Leipzig (St. Benno Verlag) 2025
120 S., € 12,95, ISBN 978-3-7462-6689-3
(vgl. www.vivat.de/materialbuch-herzenssache-die-psalmen-rkw-2025-1066893/)
Die Religiöse Kinderwoche (RKW) ist seit über 60 Jahren ein pastorales Ferienangebot für Kinder und Jugendliche in den deutschen Diasporadiözesen. Für die Durchführung steht u. a. ein Materialbuch zur Verfügung, das die Betreuer*innen in Thema und Konzept der RKW einführt und Tagespläne, ausgearbeitete Katechesen sowie Vorschläge für Lieder und Aktionen enthält.
Das Material der RKW »Herzenssache. Die Psalmen-RKW 2025« bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, die Vielfalt an Gefühlen aus ihrem Leben im Psalter wiederzufinden. Es lädt dazu ein, die Psalmen beispielhaft zu entdecken, schafft Raum für die Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen und zeigt, dass alle Gefühle vor Gott gebracht werden dürfen. Hierfür werden die Psalmen als eine Möglichkeit vorgestellt.
Der 3. Tag thematisiert anhand von Psalm 22 die Gefühle Wut, Traurigkeit und Angst. Innerhalb der Katechese wird gemeinsam das Psalmenbeten mit Psalm 22 erlernt, wofür das Materialbuch verschiedene Varianten vorschlägt. In der darauffolgenden Kleingruppenphase findet eine altersgerechte Auseinandersetzung mithilfe verschiedener Methoden statt, wie Gefühle malen, Collage-Gespräch, Psalm-Pantomime sowie das Schreiben von Fürbitten oder eigenen Psalmen. Die Ergebnisse der Kleingruppen werden in den liturgischen Tagesabschluss eingebunden. Darüber hinaus bietet das Materialbuch Ideen für weitere Aktionen zu Psalm 22 wie das Basteln von Wutbällen oder die Gestaltung eines Gefühlstagebuches.
Stina Lagemann
Anja Marschall
Klage als Ausdruck und Aneignung in den Psalmen und im Hiobbuch (FAT II, 151)
Tübingen (Mohr Siebeck) 2024
440 S., € 119,00, ISBN 978-3-16-163282-2
In ihrer Leipziger Dissertation untersucht Anja Marschall die Psalmen 42–43; 44; 88 und Hiob 3; 7; 10; 13–19. Sie versteht unter Klage den Ausdruck des eigenen Leidens, der zu einer konstruktiven und transformierenden Auseinandersetzung führt. Aneignung wiederum versteht sie als »selbstbestimmtes Entwerfen und Ergreifen von Daseinsmöglichkeiten, das sich in Reflexionspassagen sowie einem transformierenden Umgang mit der Form und Sprache der Klage niederschlägt« (S. 367).
Die Auslegungen zu den einzelnen Psalmen und Kapiteln im Hiobbuch sind gut zu lesen und bieten detailreiche Einsichten. Ich möchte ein paar zum Doppelpsalm 42/43 beleuchten. Schlüssig legt Anja Marschall dar, dass das Verb im Eingangsverses des Psalms für das Verhalten der Hirschkuh mit »schreien« und nicht mit »lechzen« zu übersetzen ist: »Wie eine Hirschkuh, die an Wasserläufen schreit, so schreit meine Nefesch [BDE1.1] zu dir, o Gott« (Ps 42,2).
Ihr Beitrag zur Erschließung des anthropologischen Begriffs Nefesch, der traditionell im Anschluss an die Septuaginta mit »Seele« übersetzt wurde, zeigt, dass Leiblichkeit im Sinne von Verlangen, Lebenskraft, Kehle so nicht sichtbar wird. In Psalm 42/43 finden sich wechselnde Selbstgespräche mit der Nefesch, d. h. dem Selbst der Beter*in: »Was zerfließt du, meine Nefesch, und lärmst über mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn preisen, die Hilfe meines Angesichts und meinen Gott« (so die Übersetzung der Verfasserin von Psalm 42,12). Dies ermöglicht dem Ich, in Distanz zu sich selbst treten zu können. In dem Psalm entspreche Nefesch daher dem »Dasein, Leben oder Selbst« (141). Ich ergänze beim Lesen: »leibliches« Dasein, denn der von der Verfasserin favorisierte Heidegger-Begriff »Dasein« mag die Selbstreflexivität abbilden, aber doch nur schwach die Verletzbarkeit und Leiblichkeit, die zentral ist für die Anthropologie der Psalmen. Klage wird dabei als »Grundlage für das Gelingen der Selbstberuhigung« (S. 137) verstanden.
Das Verdienst der Arbeit in der Exegese der Psalmen ist es, eine Sprache zu finden, die anschlussfähig ist an Diskurse jenseits der alttestamentlichen Wissenschaft bzw. die Diskurse und Begriffsprägungen aus der systematisch-theologischen Diskussion und der Philosophie übernimmt. Die Monographie ist für ganz unterschiedliche Leser und Leserinnen von Interesse und kann auch exemplarisch über die Einzelexegesen oder über den systematischen Teil rezipiert werden. Indem sie beleuchtet, wie die Klage in den Psalmen und im Hiobbuch zur Sprachfähigkeit des Ichs (der Beter*in) beiträgt, liefert sie zugleich einen Beitrag zur Sprachfähigkeit der Exegese und im Versuch, die exegetische Sprache zu öffnen.
Dorothea Erbele-Küster
Dieter Böhler
Psalmen 1–50
Übersetzt und ausgelegt von Dieter Böhler (HThKAT)
Freiburg, Basel, Wien (Herder) 2021
960 S., € 160,00, ISBN 978-3-451-26825-0
Hermann Spieckermann
Psalmen, Band 1: Psalm 1–49
Übersetzt und erklärt von Hermann Spieckermann (ATD, 14)
Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2022
473 S., € 110,00, ISBN 978-3-525-51646-1
Denjenigen, die sich vertieftes exegetisches Hintergrundwissen zu Psalm 22 aneignen möchten, ohne gleich eine ganze Monographie durcharbeiten zu müssen, sind zwei neuere Psalmenkommentare zu empfehlen: zum einen der 2021 erschienene Psalmenkommentar zu den Psalmen 1–50 in der Reihe Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament von Dieter Böhler, zum anderen der 2023 erschienene Kommentar zu den Psalmen 1–49 in der Reihe Das Alte Testament Deutsch von Hermann Spieckermann.
Beide Kommentare bieten zunächst eine Einleitung in den Psalter. Während Böhler ausführlicher auf Entstehung, Redaktion und Komposition des Psalters und seiner Teilsammlungen eingeht, geht Spieckermann breiter auf den altorientalischen Kulturraum der Psalmen ein, auf die sprachlichen Besonderheiten der Psalmendichtungen sowie auf die Theologie der Psalmen und des Psalters; insbesondere Spieckermanns Ausführungen zur Theologie lesen sich mit viel Gewinn.
Auch die einzelnen Psalmenauslegungen der Psalmen 1–49/50 weisen in den beiden Psalmenkommentaren Unterschiede auf. Während die Auslegungen bei Spieckermann die Leser:innen mit einer eigenen Titelgebung auf den Psalm einstimmen und insgesamt kompakt gehalten sind (die Übersetzung und Kommentierung von Ps 22 erstreckt sich über 12 Seiten), sind die Analysen zu den einzelnen Psalmen bei Böhler deutlich umfangreicher (42 Seiten für Ps 22). Böhler geht detailliert auf den hebräischen Text und seine Übersetzung ein, was besonders für die fachlich geschulte Leserschaft von großem Nutzen sein kann. Er liefert wertvolle Informationen zum Kontext des jeweiligen Psalms sowie zu seiner Rezeption in Judentum und Christentum, angefangen bei der Septuaginta über Qumran, Rabbinen und Kirchenväter bis hin zur heutigen jüdischen und christlichen Liturgie. Ein Plus des Kommentars von Spieckermann liegt demgegenüber in der Auslegung der einzelnen Psalmen, da hier jeweils der (Gebets-)Weg des einzelnen Psalms nachgezeichnet wird. Dadurch erschließt sich den Lesenden der Spannungsbogen des Psalms in einem Schwung, und das nicht nur kognitiv, sondern auch spirituell.
Während der Psalmenkommentar von Spieckermann insgesamt eher eine »Grundorientierung über den Psalter und die einzelnen Psalmen« (S. IX) vermittelt, eignet sich der von Böhler erarbeitete Kommentar für das intensivere Fachstudium. Gleichwohl lohnt es sich, beide Kommentare zur Hand zu nehmen, da sie unterschiedliche Perspektiven einbringen. Im Falle von Ps 22 wird beispielsweise die Verortung des Psalms im Kontext seiner Nachbarpsalmen je anders beurteilt: Während Spieckermann Ps 22 in die Teilsammlung der Psalmen 20–29 einordnet und ihn darin wiederum »durch seine intensive theologische Ausstrahlung« (S. 271) als Mitte zwischen den Psalmen 20–21 und 23–24 versteht, weist Böhler Ps 22 eine Brückenfunktion zwischen den Psalmen 3–21 und 23–31 zu, die zum einen durch zahlreiche Stichwortverknüpfungen (z. B. »Lippe« oder »Angesicht«) zu seinen vorangegangenen Psalmen entsteht, zum anderen durch die mit Ps 22 neu beginnende »regelrechte ›Tempelerzählung‹, die bis Ps 31 durchgeführt wird« (S. 413).
Zu den hier vorgestellten lesenswerten Psalmenkommentaren können weitere herangezogen werden, die zusätzliche Perspektiven eröffnen und beispielsweise eine stärker genderfaire Sichtweise einbringen. Hierfür sei bereits auf den sich aktuell im Entstehen befindenden Psalmenkommentar verwiesen, der von sechs Exegetinnen verfasst wird und ca. 2028 in der Reihe International Exegetical Commentary on the Old Testament erscheinen soll.
Marlen Bunzel
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